"Wir wollen mitreden!" Eindrücke aus einer Schreibwerkstatt mit Neuköllner Stadtteilmüttern

Eine Gruppe Neuköllner Stadtteilmütter beschäftigte sich in einer Seminarreihe von Aktion Sühnezeichen im Frühjahr 2016 mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Sie besuchten Ausstellungen und begegneten Zeitzeuginnen. Mit kreativen Schreibmethoden entstanden vielfältige Texte über Geschichte, Erinnerungskultur und heutigen Rassismus. Ausgewählte Texte möchten wir hier vorstellen.

Kooperative Schreibübung im Geschichtsseminar. Neuköllner Stadtteilmütter

Label


Ich bin nicht schwarz und du bist nicht weiß.
Das sind nur Zuschreibungen, die die Welt uns gibt.

Kein Kind wird schwarz oder weiß geboren. Denn egal wie andere dich sehen, ob du als schwarz oder weiß bezeichnet wirst: Es sind nur Labels. Labels sagen nicht aus, wer wir wirklich sind. Denn wer wir wirklich sind, das zeigt nicht die Äußerlichkeit der Hautfarbe, das liegt tiefer, unter unserer Haut.

Lass es mich anders erklären: Wenn ich ein Auto fahre, würde mich doch auch niemand mit dem Auto verwechseln. Also warum verwechselst du mich mit meinem Körper? Es ist mein Körper, mein Äußeres – das bin nicht ich.

Der Körper ist wie ein Auto, das wir jeden Tag fahren. Das Autohaus entscheidet, ob es mein Auto das schwarze Modell, deins das weiße Modell und ein anderes das irische Modell nennt – genauso wie die Gesellschaft uns verschiedene Labels aufdrückt. Stell dir vor, ohne Probefahrt wurde dir ein Auto zugeteilt und für den Rest deines Lebens müsstest du damit fahren. Es tut mir leid, aber ich kann keine Logik und keinen Stolz darin finden, mich über die Farbe meines Autos zu definieren. Denn wer wir wirklich sind, das liegt in unserem Inneren.

Ich möchte heute nicht darüber referieren, was die Wissenschaft zu Rasse, Herkunft und Geschlecht sagt - oder auch nicht sagt. Die Kategorie der Rasse wurde erfunden, um die Menschheit zu spalten. Stattdessen möchte ich fragen: Wer würdest du sein, wenn die Welt dir kein Label, keinen Stempel aufgedrückt hätte? Wer würdest du sein, wenn die Welt dich in keine Schublade stecken würde? Wärest du weiß, schwarz, asiatisch, mexikanisch, nahöstlich, indisch? Wir wären eine Einheit, wir wären eine Gemeinschaft. Labels hindern uns eine Person so zu sehen, wie sie ist. Stattdessen sehen wir einander durch konstruierte Brillen, beeinflusst von Voreingenommenheit und Vorurteilen. Wenn du dem Label erlaubst, dich zu definieren, dann machst du dich klein. Und du ziehst eine Trennlinie zwischen dir und den Anderen.

Es ist eine Tatsache, dass immer dort, wo eine Trennlinie gezogen wird, auch Konflikte entstehen. Und Konflikte führen zu Krieg. Und somit beginnt jeder Krieg mit der Zuschreibung eines Labels. Die Antwort auf Krieg, Rassismus, Extremismus und alle anderen Ismen ist also sehr einfach – so einfach, dass die Politiker es bisher übersehen konnten. Es sind die Labels. Wir müssen die Labels durchbrechen!
Kein Kind wird als Rassist geboren. Jedes Kind würde auf den Schrei eines anderen Kindes reagieren, egal welche Hautfarbe, egal welches Geschlecht es hat. Wir sind dafür gemacht, uns miteinander zu verbinden, füreinander zu sorgen. Und das ist nicht nur meine Meinung, sondern das ist die Wahrheit.
Schau dir die Raupe an. Sie muss erst den Kokon durchbrechen, bevor sie sich in einen Schmetterling verwandeln kann. Labels sind wie ein Kokon. Wir müssen frei sein. Erst wenn wir uns von dem Label losmachen, können wir frei sein und einander sehen, wie wir wirklich sind.
Danke.

von Oyebukola Oyelekan

Zu dem Projekt

Diese Schreibwerkstatt war Teil unserer Bildungsprogramme mit Stadtteilmüttern und Romnja zu NS-Geschichte und heutigem Rassismus gegen Sint*ezze und Rom*nja

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